Du hast keine Chance – also nutze sie!

Vor einigen Tage fragte ein Kollege in unserer hypnotherapeutischen Mailing-Liste an, ob jemand eine Idee hätte, wie man das Thema ADHS bei Kindern sehr kurz und prägnant vorstellen könne – er hätte 10 Minuten Zeit, um das Thema durch einen kurzen Vortrag im Rahmen einer Veranstaltung darzustellen.

Darauf bekam er vielerlei Vorschläge und Verweise auf einschlägige Webseiten, aber auch ein ums andere Mal den Hinweis, dass es wohl kaum möglich sei, ein so komplexes Thema in lediglich 10 Minuten auch nur ansatzweise ausreichend vorzustellen.

Und dann … eine E-Mail von meinem Kollegen Dr. Constantin von der Lühe … kommentarlos schickt er folgende Geschichte … lest selbst:


Es mag so etwa 50.000 Jahre her sein, …

Der Wolf

… vielleicht sogar ein wenig länger, vielleicht auch weniger, das weiß ich nicht so ganz genau, jedenfalls war es ganz sicher sehr lange bevor mein Großvater ein Kind war, da lebte ein Junge in der Steinzeit mit seiner Sippe. Ich glaube, er war ziemlich genau so alt wie das Kind, das uns jetzt grade beschäftigt. Und irgendwie war dieser Junge bemerkenswert, merkwürdig. Ein Unruhegeist würde man vielleicht zu meines Großvaters Zeiten gesagt haben, ständig unterwegs, immerzu etwas Neues im Sinn. Es konnte sein, dass seine Eltern ihn hundertfach riefen, ohne dass er zu hören schien. War da nicht ein Rascheln im Gesträuch gewesen? Vielleicht ein Igel, den man leicht fangen und im Feuer backen konnte? Die Geschwister würden sich freuen. Und wie kam’s, dass unter den flachen Steinen, die gut von der Sonne beschienen wurden, viel grössere Ameisennester waren, als unter denen, die im Schatten lagen? Und noch ein Ruf, den Abfallkorb auszuleeren, bleibt unerhört.

Heute würden sehr kluge Menschen bestimmt einen Fachausdruck dafür wissen, wie man so etwas am besten nennen sollte. Und diese Benennungen wären geheimnisvoll, mystisch, dass man sich nicht unbedingt darunter etwas würde vorstellen können, zum Beispiel effneunzichpunktnull oder effeinundneunzichdrei oder auch effvierundneunzicheins. Geheimnisvoll! So etwas machen die Fachleute. So weiß jedermann gleich, wie wichtig sie zu nehmen sind. So sind sie, die Fachleute. Und oft wissen sie so viel, dass sie wirklich gute Ratschläge geben und jeder gleich merkt „Hier hast du einen Experten vor Dir!“, von dem kannst du etwas lernen, das nimmst Du gerne an, das ist hilfreich. Solche Fachleute, die gibt es ja für vieles! Für so vieles, wie es unser Junge vor 50.000 Jahren schon ahnte oder -ich bin sicher- es bestimmt sogar wusste, dass es dafür Leute gab, die genau Bescheid wussten über bestimmte Dinge und die einen lehren konnten, wie das alles zusammenhing.

Oder war es nicht selbstverständlich, dass es eine Erklärung dafür geben musste, wie die Sterne an den Himmel kamen und dort blieben und sich ständig änderten und doch jedes Jahr dann immer wieder dieselbe Position fanden, oder dafür, warum es verschieden klingt, wenn man mit einem Stück Hirschorn oder einem Stein gegen einen Feuerstein schlägt, oder dafür, warum es unter den Wölfen an der Abfallgrube des Zeltdorfs welche gab, die nicht wegliefen wenn unser Junge mit dem Korb kam, den er entleeren sollte, sondern nur etwas abseits stehen bleiben, ohne davonzulaufen wie die anderen, und mit ihren gelb glänzenden Augen wachsam, gewiß gierig, vielleicht neugierig beobachteten, was er da aus dem Dorf brachte, wölfisch Gutes? Fast ist er versöhnt mit den lauten Worten, die er vorhin hatte hören müssen, seinetwegen habe man sich halb dumm geschrien, hatte der Vater gesagt, die Hand in der Luft, des Igels und der Ameiseneier wegen, die er mitgebracht hatte, hatte er gedacht, trotz des Igels und der Ameiseneier, da war niemand so findig wie er.

Ja, ja, so sind sie die Eltern, so waren sie auch schon, als mein Großvater ein Kind war, und so waren sie auch schon lange, lange davor, schon immer. Die ihre Kinder großziehen, sie das lehren, was sie wissen, sie unterrichten, das Leben zu meistern. Unbekanntes genau erklären, vor Bedrohlichem warnen, wie zum Beispiel vor den Wölfen, die immer an der Grube lauern. So sind wir Menschen! Wir fühlen uns nicht sicher mit Unbekanntem, darum sind wir auch so sicher, dass es unseren Kindern nicht anders geht. Außer vielleicht, wenn ich mich das erste mal entschlösse, in eine Achterbahn zu steigen. Da ist dieser Kitzel, diese Herausforderung. Und so neu und unbekannt das Achterbahnfahren ist, so leicht ist es dann doch, denn ich habe mir diese Achterbahnfahrt ja selbst ausgesucht, dann haben wir uns ja entschieden dafür, uns diese Herausforderung zuzutrauen.

Ich merke es eben, bei den vielen Gedanken, die ich mir über die Erwachsenen mache, habe ich fast vergessen auf unseren Jungen zu achten, der mit seinem Korb an der Abfallgrube steht. Und ihm gegenüber einer von den Wölfen. Unruhig, diese Tiere, unruhiger noch als unser Junge! Wachsam! Wachsamer sogar noch als er! Scharfe Sinne, viel schärfere als er sogar! Und mißtrauisch! Wehrhaft! Angrifflustig, wenn man ihnen zu nahe kommt, sagt der Vater. Oder ist das, was der Vater Angriffslust nennt, etwas anderes? Offenbar hat der Wolf, der jetzt nicht weggelaufen ist, Hunger?

Genau beobachtet er des Jungen Bewegungen, bereit die Flucht zu ergreifen -oder anzugreifen?- und der Junge wiederum die seinen. Und der Junge bemerkt wie dieser Wolf, der vor ihm nicht davonläuft, den Geruch einsaugt, der von seinem Abfallkorb ausströmt, und in die gelben Augen mischt sich zur Wachsamkeit etwas wie eine Bitte? Hat er das richtig gesehen? Und ist es tatsächlich so, dass der Wolf jetzt ein ganz klein wenig mit dem Schweif wedelt, so wie es der Junge tausendfach beobachtet hat -aus sicherer Entfernung- genau so, wie es die Wölfe tun, wenn sie einander an der Abfallgrube begrüssen? Kein Zweifel! Und der Junge schaut in seinen Korb und fischt einen abgenagten Igel heraus und er wirft ihm den Wolf hin, der ihn gierig aufschnappt und mit ihm davonläuft.

Am nächsten Tag sitzt der Wolf an der Abfallgrube, ganz so, als würde er unseren Jungen erwarten. Aufmerksam nach allen Richtungen! Man sieht es ihm an, nur ein kleines Geräusch, nur einer der Jäger des Dorfs, der zwischen den Zelten hervorträte, nur eine unbedachte Bewegung des Jungen, ein Ruf der Wolfskameraden in der Steppe und er wäre weg. Aber nichts dergleichen geschieht. Und er erlaubt dem Jungen heute einen Schritt näher, und der Junge traut sich einen Schritt näher … und noch einen … und noch einen … und noch einen … fast wäre eine Berührung möglich … und der Junge nimmt wieder einen abgenagten Igel … und er legt ihn vor dem Wolf auf den Boden, der ihn vorsichtig aufnimmt und mit dem Igelgerippe davontrottet.

Von nun an sucht der Junge jeden Tag nach einem Igel und fast täglich hat er Erfolg. Und zum Erstaunen seiner Eltern und es ganzen Zeltdorfes kann er es kaum erwarten, in der Abenddämmerung den Abfallkorb zur Grube zu bringen. Und immer sitzt dort sein Wolf und wartet auf ihn und wartet auch dann, wenn es dem Jungen am Vortag nicht gelungen war, einen Igel zu finden.

Eines Morgens, als der Junge sehr früh erwacht und vor allen anderen aus dem Zelt der Familie heraus in die sich im ersten Licht hebenden Nebel tritt, da sieht er, dass sein Wolf ihm gefolgt ist und vor dem Zelteingang geschlafen hat.


Dr. Constantin von Lühe ist niedergelassener Facharzt für Kinder- & Jugendmedizin in eigener Praxis in meiner Geburtsstadt Lübeck. Die vorgenannte Geschichte erzählt Constantin in Runden von Eltern und /oder Lehrern, wenn es um Kinder mit ADHS, oppositionellem Verhalten, Eruptivität, … in Schulen geht.

Schwerpunktmäßig arbeitet er in den Bereichen der Systemischen Familientherapie, der Medizinischen Hypnose, der Betreuung von Familien mit entwicklungsbehinderten Kindern, in Manualtherapie und in der multimodaler ADHS-Betreuung. Seit 2000 gibt er sein Wissen regelmäßig in Vorträgen weiter – besonders zu Themen der Wahrnehmungs- und Kommunikationssysteme. Wer sich direkt an Dr. Constantin von der Lühe wenden möchte, findet hier seine Kontaktdaten.

Viel Spass beim Chancen nutzen,
Doc Ramadani