Der Pechvogel und das große Glück

Ein in seinem bisherigen Leben glückloser, jüngerer Mann wollte endlich auch einmal Glück haben und machte sich auf, denjenigen zu suchen, der ihm sagen würde, wie er das große Glück machen könnte. Er fragte überall, wo er diesen weisen Menschen finden würde und gab einfach nicht auf, bis ihm schließlich einer sagte, „da musst du den Berg hinaufsteigen und ziemlich weit oben findest du eine Hütte. Dort lebt ein alter weiser Mann, der dir – so hab ich mir es jedenfalls sagen lassen – beschreiben kann, wie man an das große Glück kommt.“

Der junge Mann machte sich schnurstracks auf den Weg und der Aufstieg war ziemlich mühsam. Aber was macht man nicht alles, um endlich auch einmal richtig Glück zu haben?

„Du willst also wissen, wie du ans große Glück kommst?“ begrüßte ihn der weise, alte Mann, als ob es dem armen Pechvogel ins Gesicht geschrieben war, wonach er suchte.

„Eigentlich ist es gar nicht so schwer, das große Glück zu machen“, meinte der Alte. „Also pass auf, du musst ungefähr sieben Tage wandern, bis du zu dem großen Wald kommen wirst, der weit hinter diesem Berg liegt“, und er zeigte mit der Hand Richtung Süden. „Wenn du da angekommen bist, geh direkt den breiten Weg in den Wald hinein. Dieser Weg führt dich auf eine ausgedehnte Lichtung, auf der drei große Felssteine liegen. Auf dieser Lichtung machst du drei große Feuer aus all dem Gehölz, das du dort finden kannst, und da wird viel Holz sein. Sobald die Feuer lichterloh brennen, rollst du die Felssteine hinein. Dazu brauchst du vielleicht etwas mehr Kraft, aber ich sehe ja, du bist kräftig und stark. Du schaffst das. Die Felssteine müssen vier Stunden lang in den Feuern brennen. Pass also gut auf, dass du genug Holz beisammen hast, damit du die Feuer am Brennen hältst.“
„Ja und dann?“ der Pechvogel war schon ganz aufgeregt. „Ganz einfach“, antwortete der Alte, „sobald die Felssteine genau vier Stunden in den Feuern gebrannt haben, werden sie zu Gold geworden sein, und du hast das große Glück gemacht.“

Der bisher nur vom Pech verfolgte Mann war begeistert, bedankte sich überschwänglich für die Informationen und stürmte los, stieg den Berg hinab und wanderte schnellen Schrittes Richtung Süden.

Das ist ja wirklich leicht, ans große Glück zu kommen, dachte er, und er war ganz beschwingt und sah schon die drei riesigen Goldklumpen vor seinem geistigen Auge. Doch am zweiten Tag seiner Wanderung kamen ihm plötzlich Zweifel. Das hört sich alles so einfach an, dachte er. Bestimmt hat mir der Alte irgendetwas nicht gesagt. Das kann doch gar nicht klappen, einfach nur Steine in Feuern brennen zu lassen, die dann zu Gold werden. Da ist bestimmt noch ein Trick dabei, den mir der alte Mann vorenthalten hat, und wenn ich den nicht weiß, kann ich mich noch so anstrengen und werde wieder Pech haben – so wie immer. Aber vielleicht stimmt es ja doch, vielleicht hat er mir alles gesagt, und es ist wirklich so einfach, meldete sich eine andere Stimme in ihm. Er war hin- und hergerissen. Aber irgendwie musste er sich entscheiden. Denn wenn er jetzt nicht umkehren würde, um den Alten zur Rede zu stellen, und die wichtige Information, die der ihm verschwiegen hatte, in Erfahrung zu bringen, würde er die weiteren fünf Tage völlig umsonst zu dem Wald wandern, um dann nur zu merken, dass es so nicht klappt. Und dann müsste er die sieben Tage wieder zurückwandern. Wenn er aber jetzt noch umkehrte und den Mann erneut befragte, würde er nicht so viele Tage umsonst vergeuden und käme schneller an das große Glück.

Und was machte der Pechvogel? Er kehrte um, wanderte zurück und stieg wieder auf den Berg bis zur Hütte hinauf. Der alte, weise Mann saß vor seiner Hütte und war völlig überrascht, „was, du bist schon wieder da? So schnell kann doch keiner bis zu dem großen Wald hin- und wieder zurücklaufen, auch wenn man auf der Jagd nach dem großen Glück ist. „Nein, nein“, unterbrach ihn der Pechvogel. „Du hast mir etwas verschwiegen. Da ist noch irgendein Trick dabei, dass die Steine wirklich zu Gold werden. Das ist doch viel zu leicht. Das kann doch jeder machen. Du hast mir nicht die volle Wahrheit gesagt.“ Der Alte schüttelte bedächtig mit dem Kopf. „Was willst du nur? Man sollte nicht immer alles wissen wollen. Manches, ja vielleicht sogar vieles, klappt auch, ohne alles zu wissen, weil eben manches, vielleicht auch vieles, so was wie von selbst geschieht.“ „Ich wusste doch, dass du mir etwas verschwiegen hast“, schimpfte der Pechvogel, „das ist richtig unfair von dir, aber wie gut, dass ich es gemerkt habe und doch noch zurückgekommen bin. Du musst mir jetzt alles sagen. Alles!“ „Es wäre bestimmt besser, wenn ich dir nicht alles sagen würde“, entgegnete der alte Mann. „Du willst mir nur nicht das große Glück gönnen. Da wärest du nicht der erste“, brüllte ihn der Pechvogel an.
„Beschimpfen lass ich mich nicht. Wenn du unbedingt willst, dass ich dir alles sage, Bitteschön, aber auf deine Verantwortung.“ „Ja, sag schon“, drängelte der Pechvogel. „Also pass auf. Du machst alles so, wie ich es gesagt habe. Und was ich dir nicht gesagt habe, was aber ganz wichtig ist: Während die Felssteine die vier Stunden in den Feuern brennen, darfst du unter keinen Umständen an Krokodile denken.“


Die wundervolle Geschichte hat Irina Schlicht (hypnotherapeutisch arbeitende Psychologin aus Berlin) mit Ihrem aktuellen Newsletter verschickt. Den Newsletter, den Ihr hier abonnieren könnte, möchte ich Euch wärmstens empfehlen. Irina Schlicht weißt in Ihrem Newsletter immer auf interessante Beiträge und Studien zum Thema Hypnotherapie hin.

Viel Spass beim das-große-Glück-suchen,
Doc Ramadani