Lassen wir uns krank machen?

Als Arzt bin ich für die Pharmaindustrie uninteressant. Mittlerweile kaufe ich meine Post-It’s und meine Kugelschreiber selber. Nicht alle, schließlich versorgen mich oft meine Klienten mit diesen Errungenschaften der modernen Bürotechnik.

Warum ist das so? – Weil ich als hypnotherapeutisch tätiger Arzt kaum noch Medikamente verschreibe. Das liegt nicht daran, dass ich nicht an die Präparate der Pharmaindustrie glaube – ganz im Gegenteil: ich bin sehr stolz darauf, dass ich in Deutschland eine sehr fundierte und gute Ausbildung bekommen habe und mit Fug und Recht behaupten kann, dass es in Deutschland sehr viele Pharmaunternehmen gibt, die sich sehr aktiv und engagiert an der Entwicklung und Erforschung neuer Wirkstoffe beteiligen, oder bewährte Wirkstoffe, zu günstigen Preisen einer breiten Öffentlichkeit zugänglich machen. Diese Medikamente sind, richtig eingesetzt, ein absoluter Segen für betroffene Menschen. Und ich finde auch, dass für diese segensreichen Medikamente ein angemessener Preis gezahlt werden sollte. Mit immer größer werdender Besorgnis beobachte ich allerdings auch die Tendenz, dass viele Medikamente immer inflationärer eingesetzt werden – gerade im Bereich der Psychopharmaka. Und das nicht auf medizinischer Basis, sondern vielleicht durch das geschickte Marketing der pharmazeutischen Industrie.

Eine Dokumentation von Arte, die dieses Phänomen sehr kritisch beleuchtet, gibt es jetzt auf Youtube zu sehen. Obwohl nicht explizit erwähnt, legt diese Doku doch nahe, dass es manchmal sinnvoll ist, der vollen emotionalen Bandbreite von uns Menschen, Raum zu geben. Eine Einladung an alle, die sich gerade Fragen stellen, ob es Sinn macht, das eine oder andere Präparat zu nehmen:

Viel Spass beim Gesund-bleiben,
Doc Ramadani


Medikamente wirken nur bei schweren Depressionen

Wieder einmal wurde es gezeigt: Antidepressiva wirken nur bei schweren Depressionen. Zu diesem Ergebnis kommt das US-amerikanischer Forscherteam um Jay Fournier von der Universität von Pennsylvania haben in einer Meta-Analyse(eine Untersuchung, in der mehrere Studien zusammengefasst werden) für das amerikanische Ärzteblatt.

Jay Fournier und seine KollegInnen haben in Ihrer Meta-Analyse den Krankheitsverlauf von 718 Patienten aus 6,  so genannten „randomisierten“ Studien untersucht. Getestet wurde in diesen Studien, inwieweit Medikamente den Verlauf einer Depression verbessern – und das im Vergleich zu einem Scheinpräparat (Placebo)! Die Studien hat Fournier unter anderem aufgrund ihrer heterogenen Zusammensetzung gewählt. Der Schweregrad wurde in den Studien mit einer psychologischen Skala (Hamilton Rating Scale for Depression, HDRS) bestimmt. 71% der Patienten, die sich in Amerika wegen einer Depression an einen Psychiater wenden, haben einen HDRS von unter 22 und dürften von Ihren Psychiatern ein Antidepressivum verschrieben bekommen.

Die Ergebnisse der Meta-Analyse sind sehr interessant:

  • Mit Schweregrad der Depression stieg auch die Wirksamkeit der medikamentösen Behandlung.
  • Die Wirksamkeit stieg bei den Patienten in beiden Gruppen, d.h. je schwerer die Depression desto besser auch die Wirkung des Placebos, wobei die Wirksamkeitskurve nur ganz gering unter der Kurve der Antidepressiva lag.
  • Eine Verbesserung um 3 Punkte auf der HDRS, ein Kriterium das von britischen National Institute for Clinical Excellence für den Wirksamkeitsnachweis verlangt wird, wurde erst ab 25 Punkten auf der HDRS erreicht. Ab 25 Punkten spricht man allerdings bereits von einer schweren Major-Depression.

Über diese Studie berichtete auch das Deutsche Ärzteblatt in einem Beitrag vom 06.01.2010. Besonders interessant finde ich auf dieser Seite den Kommentar eines Kollegen, der durchaus für Niedrigdosierungen von Antidepressiva in passenden Fällen pladiert, um den Patienten den Nutzen des Placebo-Effektes zu ermöglichen. Dies finde ich sehr lobenswert und pragmatisch. Für mich persönlich ist diese Art der Verordnung jedoch nicht passend – ich erkläre meinen Klienten den Zusammenhang ganz wissenschaftlich und überlege mit Ihnen zusammen, was sie stattdessen tun können, um sich ihr eigenes Placebo zu geben.

Herzliche Grüße,
Doc Ramadani